Die Palästina-Frage zur Zeit der arabischen Regierung in Damaskus

Nach dem Einzug Faisals in Damaskus im September 1918 wurde eine arabische Regierung ausgerufen. In Wirklichkeit hatte die Regierung nur das Innere Syriens in der Hand. Allenby als Oberbefehlshaber der alliierten Truppen hatte die Befehlsgewalt über die restlichen arabischen Länder, inklusive Palästina. Die Araber akzeptierten das als Übergangsregelung bis zur Versailler Friedenskonferenz. Als die Konferenz näherrückte, wurde klar, daß eine weite Kluft zwischen den arabischen Ansprüchen und dem, was die britische Regierung bereit war zuzugestehen, bestand. Die arabischen Forderungen, die Faisal auf der Konferenz stellte, stießen auf ein Netz einander widersprechender Faktoren: die arabische Sehnsucht nach Einheit und Unabhängigkeit, die französischen und britischen Besitzansprüche, die Balfour-Erklärung und die arabische Ablehnung der zionistischen Pläne.

Zu Beginn des Jahres 1919, als die arabischen Forderungen auf der Friedenskonferenz zur Diskussion standen, wurden zwei Memoranden, die die arabischen Forderungen enthielten, vorgelegt. In bezug auf Palästina besagte das erste Memorandum: Obwohl die Mehrzahl der Einwohner Araber sind, sollte dort ein Mandat durch einen der größeren Staaten übernommen werden, um mögliche Konfrontationen in Zukunft zu vermeiden. Das zweite Memorandum betonte nochmals die Forderung nach Unabhängigkeit und Einheit aller arabischen Völker Asiens.

Die Zionisten versuchten in der Friedenskonferenz die internationale Bestätigung der Balfour-Erklärung sowie ihre Verknüpfung mit den Friedensvertrag und der Satzung des Volkerbundes zu erreichen. Sie forderten das historische Recht des jüdischen Volkes, in Palästina eine nationale Heimstätte zu errichten, und lehnten die Einverleibung Palästinas in einen arabischen Staat oder seine Internationalisierung und sogar das Prinzip der Selbstbestimmung ab.

Nun war der Zeitpunkt der Entscheidung gekommen. Faisal konnte sich jedoch bei den Europäern nicht durchsetzten. In dieser heiklen Lage traf er im September 1919 wieder Weizmann. Dieser bot im Geld und Spezialisten für die arabische Regierung an und versprach, die französische Regierung von ihren Ansprüchen auf Innersyrien abzubringen, vorausgesetzt Prinz Faisal unterstütze die Verwiklichung des zionistischen Programmes in Palästina. Ein Monat später gab Faisal in der "Jewish Chronicle" eine Erklärung ab, in der er sagte, Palästina sei ein Bestandteil Syriens, es könnte jedoch ein autonomes Gebiet werden, in dem die Juden die gleichen Rechte wie die Araber genießen.

Als Faisal erkennen mußte, daß die Allierten nicht bereit waren ihre Versprechungen einzuhalten, akzeptierte er die Notwendigkeit den Alliierten die Stirn zu bieten, und rief die Unabhängigkeit eines geeinten Syriens mit allen Gebieten, einschließlich Palästinas, aus. Obwohl dieser Beschluß zu keinem praktischen Ergebnis führte, da Palästina noch unter britischer Herrschaft stand und sich die syrischen Küstengebiete in der Hand Frankreichs befanden, so waren sie doch ein Ausdruck des Volkswillen und der arabischen Haltung.

Im April wurde in San Remo die Aufteilung der Mandate über Syrien und den Irak zwischen England und Frankreich entschieden. Die Araber waren entäuscht, nicht nur, weil Palästina von Syrien abgetrennt wurde, sondern auch, weil die Balfour-Erklärung in das Völkerbundmandat für Palästina aufgenommen wurde. Darin wurde eine Verletzung der Prinzipien der Selbsverwaltung des amerikanischen Präsidenten Wilson sowie der Versprechungen Englands während des Kriegs gesehen.- Die Araber wurden hintergangen.

Faisal protestierte offiziell, als der Zionist Herbert Samuel zum ersten Hochkommissar in Palästina ernannt wurde. Er bat die britische Regierung, diese Entscheidung, die die Gefühle der Araber verletzte, rückgängig zu machen. Die britische Regierung setzte sich aber über den Willen und dem Recht der Araber hinweg.

Nach der Niederlage der Araber in der Schlacht von Maisalun im Juli 1920 wurde die arabische Regierugn in Damaskus von den Franzosen abgesetzt.

Die Nachkriegsordung für den Nahen Osten stellte Palästina und dessen arabischen Nachbarn unter europäischer Kontrolle. In Palästina übernahm der britische Mandatar die Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte.

Die Palästina-Frage in der gesamtarabischen Dimension 1920-1936

Trotz der Tatsache, dass die arabischen Länder nun getrennt unter verschiedenen europäischen Besatzungen standen, lebte das Streben nach arabischer Einheit weiter. Die künstliche Grenzziehung bedeutete den Arabern nicht viel. Die Vision von Unabhängigkeit und Einheit ließ keinen Raum für ein jüdisches Palästina.

Die jüdische Gemeinde hingegen begann, sich unter dem Schutzschild der Briten zu organisieren. Zwischen 1917 und 1939 wuchs die jüdische Bevölkerung danke der starken Einwanderung von 56 000 auf 475 000. Trotzdem besaßen die Juden 1939 erst 5% des palästinensischen Landes.

Die palästinensische Nationalbewegung sah die einzige Chance auf Widerstand in ein größeres arabisches Umfeld zu agieren und traf sich mit anderen arabischen nationalen Bewegungen, die ihre Länder von fremder Herrschaft befreien wollten.

Die Haschemiten (Husain und seine Söhne Faisal und Abdallah) verloren immer mehr an Einfluss und Macht, da sie sich bei keiner Partei durchsetzen konnten. So verloren sie ihr Stammland im Hedschas an das expandierende Reich der Familie Saud.´ Faisal bestieg 1921 den Thron im Irak, nachdem er sich verpflichtet hatte seine Aktivitäten auf den Irak zu beschränken und von jeglicher feindseligen Haltung gegen Frankreich und Großbritannien abzusehen. Sein Bruder Abdallah wurde 1928 König von Transjordanien, dessen Grenze (wie alle anderen arabischen Länder) willkürlich von den Mandatsmächten gezogen wurde. Um seine Herrschaft antreten zu können, hatte er einen Vertrag unterzeichnen müssen, in dem er das britische Mandat über Palästina sowie die Balfour-Erklärung akzeptierte.

So sicherten sich die Haschemiten Macht und Einfluß.- Die arabischen Länder wurden jedoch mehr und mehr zerstückelt und die arabische Nationalbewegung geschwächt.

Saudi Arabien und Ägypten standen bis in die 30er Jahre den Ereignissen in Palästina distanziert gegenüber. Ibn Sa¿ud festigte seine Herrschaft in der arabischen Halbinsel. Ägypten war nach dem Ersten Weltkrieg voll mit dem Kampf um Unabhängigkeit von den Briten beschäftigt, ferner mit dem innerpolitischen Machtkampf zwischen der Wafd-Partei und dem Palast. Es entwickelte sich ein ideologischer Wettstreit zwischen einen ägyptischen Eigenweg und einer panarabischen oder islamischen Orientierung.

Den Arabern Palästinas gelang es in ihrem antizionistischen Widerstand, die Aufmerksamkeit und die Hilfe vieler nicht-offizieller Gruppen zu erhalten. Außerhalb Palästinas entstand eine aktive Informations- und Propagandakampagne, deren Ziel es war, die Palästina-Frage im Rahmen der syrischen Frage zu vertreten. Die Kampagne wurde durch die Palästina-Syrien-Konferenz am Rande des Völkerbundes 1921 in Genf organisiert.

Die relative Ruhe in den Haltungen arabischer Staaten gegenüber der Palästina-Frage fand ein Ende mit den Ereignissen an der Klagemauer in den Jahren 1928 und 1929 Die Blicke und Bemühungen der gesamten islamischen Welt richteten sich auf Palästina. Es fanden große Demonstrationen für den Schutz der heiligen Stätten in Jerusalem statt. Hadsch Amin el Husseini, der Mufti von Jerusalem, wurde immer mehr zum Führer des Widerstandes gegen die Zionisten und Briten. Aus diesen Vorgängen konnte die palästinensische Nationalbewegung die Lehre ziehen, dass mit religiösen Appellen die arabische Welt wirksam für ihre Sache zu mobilisieren war. 1931 wurde in Jerusalem ein internationaler islamischer Kongreß abgehalten, bei dem sich Führer aus islamischen Staaten, ihrer politischen und religiösen Parteien und Institutionen versammelten. Abscheu und Widerstand gegen den Zionismus und britischen Imperialismus wurden kundgetan und die Wichtigkeit Palästinas betont.

Eine weitere Stärkung der Palästinenser war die Gründung der Istiqal-(Unabhängigkeits)partei¿ im Juli 1933 durch palästinensische Nationalisten. Das Parteiprogramm stimmte mit der Konvention des Jerusalemer Kongresses von 1931 überein in seiner Forderung nach arabischer Einheit, Ablehnung der Teilung, Aufhebung des Mandats und Schaffung einer unabhängigen arabischen Regierung.

Die arabischen Nationalisten setzten große Hoffnungen auf König Faisal, nachdem der Irak 1932 unabhängig und Mitglied des Völkerbundes geworden war. Viele glaubten, dass Faisal der Herrscher über ein panarabisches Reich würde. Der König hatte die Idee übernommen, nach der er der natürliche Führer eines föderierten Arabiens sei. Er strebte nach einer Union mit Syrien. Palästina wollte er in einer arabischen Konföderation mit Garantien für ein eingeschränktes Siedlungsrecht der Juden sehen. Der Tod Faisals 1933 führte zu einer Schwächung der panarabischen Aktivitäten. Die Palästina Frage dominierte jedoch weiterhin die arabische Politik. In den 30er Jahren entwickelte sich in Ägypten ein immer stärkeres politisches panarabisches Bewusstsein, und somit ein stärkeres Interesse an Palästina. So wurde 1933 die Jung-Ägyptische Misr al-Fatat Partei gegründet. In ihrer Sicht war die arabische Einheit für Ägypten eine soziale, ökonomische und politische Notwendigkeit.

Das Interesse des Iraks an Palästina steigerte sich nach den Bau einer Öl-Pipeline von Kirkuk nach Haifa im Jahre 1935. Palästina war der Zugang zum Mittelmeer. Diese Fakten stärkten den irakischen Panarabismus.

Die Peel-Kommission und ihre Folgen

1936 wurde die so genannte Peel-Kommission geschickt um die Lage in Palästina zu analysieren und ein Lösungsvorschlag zu unterbreiten. Ein Jahr darauf wurde der Bericht der Kommission veröffentlicht, welcher vorschlägt: die Teilung Palästinas in drei Teile :

1.) in einen arabischen Teil im Zusammenschluß mit Transjordanien, die ein Vereinigtes Königreich bilden sollten, das durch einen Vertrag an Großbritannien gebunden sein sollte.

2.) In einen jüdischen Teil und

3.) In ein britisches Mandat

Inzwischen führten die Gespräche zwischen Abdallah und den Zionisten zu kleineren Erfolgen. Der König Transjordaniens gestand den Zionisten Autonomie zu, in der Hoffnung auch über Palästina zu herrschen. Das Ziel der Zionisten war es Abdallah zu überreden, dass erst ein Zugeständnis eines jüdischen Staates Abdallah die Chance auf mehr Kontrolle über arabisches, in diesem Fall palästinensisches, Land ermöglichen würde. Die arabischen Massen standen der Peel-Kommission kritisch entgegen. Vor allem aus dem Irak und Ägypten erhallten die Proteste. Überall in arabischen Ländern wurden vermehrt Komitees zur Unterstützung und Verteidigung Palästinas gegründet.

Man versuchte einen neuen Ansatz zur Lösung. Nämlich die Lösung des Problems im Rahmen einer arabischen Union, die die Gründung einer separaten zionistischen Entität. Doch auf die Zukunft und Art des zion. Gemeinwesens konnte man sich nicht einigen. Von der arabischen Seite kamen die Vorschläge eine arabische Union zu gründen mit einer Selbstverwaltung in den jüdischen Siedlungsgebieten oder die Ermöglichung der Niederlassung von Juden in einem vereinigten arabischen Staat, wobei deren Anzahl nicht mehr als 30% der Bevölkerung Palästinas überschreiten darf.

Im Herbst 1938 kam ein überraschender Wechsel in der britischen Nahost-Politik. Die britische Regierung anerkannte offiziell das Interessen der anderen arabischen Staaten an der Palästina-Frage wie auch die Existenz einer Art arabischer Heimstätte an. Der neue Kolonialminister McDonald erklärte, es sei unmöglich die palästinensische Frage unabhängig von den arabischen Nachbarn zu lösen. Der Grund für diesen Kurswechsel sieht man in den Entwicklungen in Europa, welche auf einen Ausbruch eines weiteren Krieges deuteten. Großbritannien wollte die feindseligen Gefühle der Araber mindern und die britischen Interessen in den arabischen Ländern wahren. So kam es, dass die britische Regierung im Oktober 1938 einen Kongress berief, an dem alle arabischen und die zionistischen Vertreter teilnehmen sollten. Vor diesem wichtigen Termin einigten sich die arabischen Staaten darauf, die arab.-paläst. Charta zu verfechten: Einwanderungsstopp, Beendigung des Landverkaufs und Gründung eines unabhängigen Staates mit arabischer Mehrheit; die jüdische Bevölkerung sollte ihren damaligen prozentualen Anteil nicht überschreiten, die Unabhängigkeit in ihren inneren Angelegenheiten würde aber gewahrt bleiben.

Die Konferenz war ein Teilerfolg. Die britische Regierung akzeptierte den arabischen Standpunkt und stimmte dem Prinzip zu, das Mandat zu beenden und nach einer bestimmten Zeit einen unabhängigen Staat in Palästina zu etablieren, der vertraglich an Großbritannien gebunden sein sollte. Eine Kommission sollte gebildet werden, um Vorschläge für eine Verfassung des Staates und einen Vertrag mit England auszuarbeiten; Man einigte sich auf eine Übergangsperiode, bevor das Mandat für beendet erklärt würde. Diese sollte zehn Jahre betragen, mit der Möglichkeit, sie zu verlängern, was von der jüdischen Zustimmung abhängen sollte. Damit waren die Araber nicht einverstanden, so dass die Konferenz in die Brüche ging. Die britische Regierung jedoch veröffentlichte im Mai 1939 eine einseitige Erklärung, das Weißbuch. Sie machte klar, dass sie ihre Verpflichtungen beiden Seiten gegenüber einzuhalten gedenke, dass sie die Einwanderung begrenzen und Gesetze unterbreiten werde, die den Transfer von Grund und Boden erschweren würde. Daneben wollte die britische Regierung zusammen mit den Palästinenser und den Juden Versuche für eine Selbstverwaltung während der Zeit von zehn Jahren unternehmen. Aber die britische Lösung stellte keine Partei zufrieden, denn jede Seite hatte ihre eigene Vorstellung einer Zukunft Palästinas und hielt daran fest.