1838- 1917 Europa und Palästina

Der Palästina- Konflikt entstand nicht in der Region selbst, sondern wurde von außen in das Land hineingepflanzt. Palästina wurde auf Grund seiner strategischen Lage und religiösen Bedeutung immer mehr zum Interessengebiet der imperialistischen Machtpolitik.

Anfänge der Kolonisation

Die Öffnung Palästinas für die europäischen Machtinteressen erfolgte ab 1838, als der erste europ. Konsul, ein Brite, in Jerusalem Einzug hielt. - Im Jahre 1831 zog der Herrscher Ägyptens, Muhammad Ali, gegen seinen Oberherrn, den osmanischen Sultan in Konstantinopel. Er eroberte dabei das gesamte geographische Syrien, einschließlich Palästinas. Um die Gunst und die Unterstützung Großbritanniens zu erhalten, ließ er die Eröffnung von britischen Konsulaten und eine Öffnung Palästinas auf politischer und religiös- kultureller Ebene zu. Die Ära Mohammad Alis währte bis 1840. Die Öffnung Palästinas blieb jedoch bestehen. Die "orientalische Frage" des 19.Jhd. war das Problem, wie viel vom osmanischen Reich in welcher Form im Interesse der europ. Mächte unbedingt erhalten werden musste. Palästina gehörte unbestritten zum Kernbestand des imperialistischen Interesses.

Bei der europ. Penetration Palästinas ging es in erster Linie um Einflussnahme. Wo anders als im Heiligen Land hätte die Einflussnahme durch religiös-kulturelle Durchdringung und durch ein religiöses Protektorat auch größeren Erfolg versprochen?

Großbritannien benützte hierbei die Juden und die Protestanten in Palästina als Schützlinge um Einfluss im Land zu erlangen. Außerdem lag dem britischen Evangelismus viel an der "restoration of the Jews", der "Rückführung" und Bekehrung der Juden. Die Erfüllung der biblischen Prophezeiung über die Endzeit war nach dieser geistlichen Theorie unauflöslich mit der "Rückführung der Juden ins Land ihrer biblischen Urväter" verbunden. Die Bekehrung der Juden könne nach dieser Theorie erst nach der "Rückführung" erfolgen. Gleichsam als Selbstverständlichkeit durchzog dieser Gedanke die englische Palästina-Literatur in der zweiten Hälfte des 19.Jhd.

Die Anhänger der "restoration of the jews" identifizierten sich im Gesamtzusammenhang imperialistischer Machtpolitik mit den Zionisten. Lord Balfour meinte 1919, dass der Zionismus von weit tieferer Bedeutung sei, als die Wünsche und Vorteile der einheimischen palästinensischen Araber.

Großbritannien sah sich also als natürlicher Protektor der Juden in Palästina und vor allem, später, der Zionisten. Man spricht auch von "Gentile Zionists"

Durch die in Palästina lebenden Katholiken und Orthodoxen fassten auch Frankreich und Russland im Heiligen Land Fuß. Der Wunsch nach einem christlichen Staat Jerusalem wurde, vor allem unter den wachsenden europ. Gesellschaften in Palästina, immer lauter. Sie forderten eine direkte Machteinnahme der europ.-imperialistischen Mächte. Diese Forderung ging einher mit der Forderung der "Gentile Zionists". Dem Sultan wollte man diese Idee durch die Begründung schmackhaft machen, dass die Juden Palästina eine große Zahl wohlhabende Kapitalisten bescheren würden und, dass sie eine Barriere gegen künftige Ambitionen des ägyptischen Herrschers bilden würden. Der Sultan wollte jedoch ein Judenstaat im osmanischen Reich nicht dulden ¿ ob diese zu Christen konvertieren würden oder nicht.

In Palästina begann sich die Fixierung auf das religiöse Protektorat am Ende der 70er Jahre des 19.Jhd. zu lockern. Die imperialistischen Mächte sahen andere Möglichkeiten des Einflusses. Die ¿friedliche Eroberung¿ bzw. der "friedliche Kreuzzug" durch das Kapital, Gründung von Vereinigungen etc. kam immer mehr ins Blickfeld. Zum religiösen Protektorat kam die ökonomische Durchdringung Palästinas hinzu.

Im Großen und Ganzen galt für die imperialistischen Mächte: Man konnte versuchen, durch "friedliche Eroberung" möglichst fest Fuß zu fassen und sich gegenseitig Positionen abzujagen, aber an eine exklusive Herrschaft oder Kontrolle einer Macht war bis zum 1.Weltkrieg nicht zu denken.

Im Gegensatz zu Großbritannien hatte Frankreich nie eine spezifische Palästina-Politik entwickelt; diese stand vielmehr ganz im Rahmen seiner Syrien-Politik und seines Schutzes über die Katholiken. Russland dagegen hatte, vor allem nach dem Krim-Krieg, stärkere Ambitionen, die jedoch Anfang des 20Jhd. immer mehr abließen. Natürlich gab es auch Pläne zur verstärkten Kolonisation durch den Transfer von Europäern und Gründungen von Siedlungen. Die arabischen Palästinenser wollten sie hierbei nach dem US- amerikanischem Vorbild in Reservate sperren.

Doch die Projekte scheiterten an den Mangel von bereitwilligen Siedlern (Christen und Juden) und den Willen des osman. Reiches genügend Land zu verkaufen.

Von den vielen Kolonisationsprojekten und -unternehmungen waren nur zwei von Erfolg gekrönt: die Siedlungen der Templer seit 1868 und diejenigen jüdischer Einwanderer seit 1882. Wobei wir hier trotzdem nur von einigen tausend sprechen.

(2200 Templer, 15.000 Juden in den Kolonien und den Städten Palästinas)

Der Vorsteher der Templergesellschaft, Hoffmann, sah die Lage 1882 folgendermaßen: "Verdrängen kann man allerdings die Araber nicht, da sie die ungeheure Mehrheit und die rechtmäßigen Besitzer des Landes sind. Für europäische Kolonisation sei in jedem Falle der Schutz einer europ. Macht unentbehrlich."

Präzionistische und Zionistische Anteilnahme

Die vielfältigen europäischen Aktivitäten im Heiligen Land und die Zunahme der Kontakte mit, und des Wissens über, Palästina förderten bei den jüd. Organisationen (zb.: Alliance Israelite Universelle) das Interesse an das Heilige Land.

1878 wurde die erste landwirtschaftliche Siedlung (Petach Tikwa) gegründet, die allerdings 1881 schon wieder aufgegeben wurde. Die eigentliche jüd. Kolonisation Palästinas setzte mit Beginn der "1.Alija" (1882-1903) aus Osteuropa ein, die eine Folge des steigenden Antisemitismus im zaristischen Russland war. Der überwiegende Teil der flüchtenden Juden (98%) suchte jedoch andere Gebiete auf. Bis zum ersten Zionistenkongress 1897 wurden in Palästina 18 Siedlungen mit ca. 5000 Einwohnern gegründet, von denen der größte Teil nur dank der finanziellen Unterstützung durch den Zionisten Baron Edmond de Rothschild überleben konnte. Nach der "2.Alija" (1904-1914) zählten die Juden in Palästina 35.000 Personen unter 700.000 arabischen Palästinenser. Die 1897 von Herzl gegründete zionistische Bewegung versuchte dem europäischen Schutzverhältnis eine neue Qualität zu geben: Die Juden sollten sich als organisierter Partner einer Großmacht, nicht unter individuell gewährten Schutz und nicht "zurückgeführt" von den Christen, in Palästina niederlassen. England konnte Herzl jedoch nur Gebiete auf der Sinai-Halbinsel und in Ostafrika "anbieten", aber nicht Palästina.

Der Erste Weltkrieg eröffnete jedoch der zionistischen Bewegung neue Möglichkeiten der Realisierung ihrer Bestrebungen.

England, Palästina und der Zionismus während des Ersten Weltkriegs

Die unmittelbare Vorgeschichte des britischen Mandats kreist um drei Fragenkomplexe:

1.)die britisch- arabischen Absprachen (McMahon-Husain-Korrespondenz)

2.)die Kriegszielvereinbarungen der Alliierten (Sykes-Pikot-Abkommen)

3.)die britisch-zionistische Partnerschaft (Balfour-Erklärung)

siehe Dokumente

ad 1.)

Um die Araber für eine Unterstützung der Kriegsanstrengungen der Alliierten im Nahen Osten zu gewinnen, um sie konkret zu einem Aufstand gegen die osmanische Herrschaft zu bewegen, sicherte der britische Hochkommissar in Ägypten, McMahon, dem Sharifen Hussain von Mekka im Jahre 1915 die englische Unterstützung für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Araber zu.

In einer gemeinsamen Erklärung der britischen und französischen Regierung vom November 1918, wurde die Absicht bekräftigt der Bevölkerung der besetzten Gebiete des osmanischen Reiches vollkommene Emanzipation und die freie Wahl nationaler Regierungen gewähren zu lassen.

ad 2.)

Mit Frankreich versuchte sich Großbritannien über die Abgrenzung der beidseitigen Interessen im Nahen Osten klar zu einigen, nämlich im Sykes-Picot-Abkommen vom Januar 1916, das später durch Fixierung der russischen und italienischen Ansprüche erweitert wurde. Was Palästina anbelangt , so sollten Nordostgaliläa unter franz. Kontrolle eine Enklave um die Häfen Haifa und Akka sowie der Negev und ein Teil des "Westjordanlandes" unter britische Kontrolle gelangen, der Rest Palästina mit Jerusalem und Jaffa sollte internationalisiert werden.

ad 3.)

Die Verhinderung dieser geplanten Internationalisierung Zentralpalästinas war dann eines der Motive, die zur Abgabe der Balfour- Erklärung führten. Palästina sollte die Landverbindung zwischen den britischen Ägypten und einem künftigen britischen Mesopotamien herstellen. Keine andere Macht sollte sich dazwischenschieben. Die exklusive britische Kontrolle Palästinas wurde nach dem Regierungsantritt LoydGeorges im Dezember 1916 ein klares Ziel britischer Politik. Frankreich sollte in Palästina , mit Hilfe der Zionisten, ausmanövriert werden.

Den anderen imperialistischen Mächten sollte eine erstrebte britische Herrschaft über Palästina in Gestalt der Unterstützung der zionistischen Vision eines Judenstaats schmackhaft gemacht werden.

So kam es im November 1917 zur Veröffentlichung der Balfour-Erklärung. In dieser erklärte die britische Regierung, dass sie die Errichtung einer Heimstätte in Palästina mit Wohlwollen betrachtete, und fügte hinzu, dass die bürgerlichen und religiösen Rechte jener 90% der Bevölkerung Palästinas, die in der Deklaration verschämt als die "bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften" bezeichnet wurden, nicht in Frage gestellt werden dürften. Um dem vehementen Widerspruch antizionistischer englischer Juden Rechnung zu tragen, wurde auch hinzugefügt, dass eine pro-zionistische Politik ¿die Rechte und den politischen Status¿ der Juden in Europa nicht gefährden dürfe. Man muss bedenken, dass seinerzeit die wenigsten Juden Anhänger der zionistischen Ideologie waren. Außerdem hatten viele Juden Angst, die Erklärung könnte Antisemiten als bequemen Vorwand dienen den Juden den Weg nach Palästina zu weisen. Antisemitismus und Prozionismus waren nicht notwendigerweise Gegensätze. Herzl selbst hatte ja eine gemeinsame Interessenbasis von Antisemitismus und Zionisten gesehen.

Schlussthese

Wir können also festhalten, dass erst die Konstellation des Ersten Weltkriegs und die Einbindung in die imperialistische Strategie Englands die zionistische Bewegung den Sieg über rivalisierende europäische Aspirationen auf Palästina davontragen ließen. Und erst das Ergebnis des Ersten Weltkrieges und die Indienststellung des Zionismus machten es der britischen Regierunge möglich, die exklusive Kontrolle über Palästina zu erringen. Aufgrund der unmittelbaren strategischen und der ökonomischen Interessen Englands und vor dem Hintergrund der englischen Geistesgeschichte des 19.Jhd.(¿restoration of the jews¿) erwies sich Großbritannien als ein wesentlich ¿natürlicher¿ Partner der zionistischen Bewegung als andere imperialistische Mächte. Nichtsdestotrotz gab es natürlich ständigen Kontakt zwischen der zionistischen Bewegung und Deutschland, Russland, Frankreich etc.

Die arabische Anteilnahme an der Palästina-Frage bis zum Ende des Ersten Weltkrieges

Mit der stetigen zion. Kolonisation Palästinas, stieg die Sorge der palästinensischen Araber. Schon am Beginn des 20 Jhd. sah man das Problem als solches, denn die Zionisten verschwiegen ihre Pläne nicht. So kam es, daß 1911 ein Journalist aus Haifa das erste Buch eines Arabers gegen den Zionismus schrieb. Aber nicht nur die palästinensischen Araber sahen die Gefahren des Zionismus - Vielmehr stellten sich die arabischen Bewegungen geschlossen gegen die Bedrohung durch den Zionismus die Araber zu spalten und somit einen unabhängigen arabischen Staat zu verhindern. Spätestens die Balfour- Erklärung, welche die arabischen Bestrebungen nach politischer Freiheit und Unabhängigkeit ignorierte, öffnete den letzten Skeptiker die Augen. Die Zionisten begegneten der arabischen Bewegung jedoch mit Gleichgültigkeit. Sie wandten sich eher an das osmanische Reich, welches nach der jungtürkischen Revolution von 1908 den Zionisten positiv gesonnen war. Die Zionisten hofften, den Türken die Notwendigkeit des Zionismus als Hindernis gegen den aufstrebenden arabischen Nationalimus näher zu bringen.

1915 verfassten in Damaskus die Führer der arabischen nationalistischen Vereine ein Protokoll, welches die Forderungen beinhaltete um an der arabischen Revolution des Scherifen Husain gegen das osmanischen Reich teilzunehmen. Palästina war eine Hauptforderung.

Diese Bedingungen wurden als nationale Forderungen in der Korrespondenz mit dem britischen Hochkomissar McMahon unterbrietet. Sie bezogen sich auf die Form der arabischen Nachkriegsregierung und setzten die Grenzen des zukünftigen arabischen Staates fest.

Mark Sykes, der die treibende Kraft der britischen Politik im Nahen Osten war, versuchte die Araber davon zu überzeugen, dass der Zionismus ein starker Antrieb und große Unterstützung, in wirtschaftlicher und politischer Sicht, für einen künftigen arabischen Staat wäre, und strebte eine Allianz zwischen Zionisten und arabischen Nationalisten an. Der Scherif Husain und auch die anderen arabischen Führer standen der Gründung eines zionistischen Staatsgebildes in Palästina jedoch entschlossen entgegen.

Im März 1918 besuchte eine zionistische Delegation unter der Führung von Weizmann den Nahen Osten. Im Juni deselben Jahres traf Weizmann mit Faisal, den Sohn des Scherifen von Mekka, zusammen. Der Präsident der zionistischen Organisation schlug Faisal zionistische Unterstützung vor, falls er die zionistischen Interessen gewähren ließe. Weizmann verlangte anfangs eine Heimat für die Juden, wo sie ihre nationalen Rechte ausüben konnten, jedoch keine eigene Regierung. Faisal konnte jedoch nicht über die Zukunft Palästinas entscheiden und vertiefte das Thema nicht.

Man kann sagen, dass keine Möglichkeit ausgelassen wurde, um den arabischen Führern einen "politischen Verkauf" Palästinas schmackhaft zu machen. Britische Diplomaten und Zionisten versuchten den Arabern sogar zu beweisen, dass ein arabischer Staat ohne Einbeziehung zionistischer Interessen und ohne deren Unterstützung nicht realisierbar und lebensfähig wäre.

Während die Truppen der arabischen Revolution in Syrien gegen das osmanische Reich vordrangen, wurden Großbritannien und seine Verbündeten durch die Gefühle von Furcht und Verbitterung unter den Arabern gezwungen, erneute Deklarationen zu veröffentlichen, in denen die Absicht der britischen Regierung, ihre Versprechen gegenüber den Arabern nach dem Krieg einzuhalten, betont wurde.

Quelle:"Die Palästina-Frage 1917-1948" ,Helmut Mejcher, Schöningh Verlag, Paderborn 1993"

1917-1948