Die Mauer schließt sich
Der Trennungszaun rund um Jerusalem und seine Folgen
Quelle: Freunde Palästina www.freunde-palaestinas.de
Datum: 22. Dezember 2003
Während des Wochenendes hatte ich die Möglichkeit, verschiedene
Aspekte des unglaublichen Geschehens hier zu beobachten und zu
hören. Die Phantasien Scharons und Mofaz werden offensichtlich
wahr.
Am Freitag nahm ich an einer Tour zum Jerusalemer Trennungszaun
teil, die von Danny Seidemann geleitet wurde. Dieser
sanft-sprechende Rechtsanwalt hat jahrelang legale Schlachten
für ein wenig Anstand in dieser schwierigen Stadt geschlagen.
Z. B. nach dem Krieg von 1967, als israelische Generäle eine
Grenze östlich von Jerusalem zogen, sodass das Stadtgebiet um
ein vielfaches größer wurde als die bestehende Stadt. Das war
die anvisierte neue Grenze der Stadt. Nun wächst auf dieser ein
eindrucksvoller doppelter Zaun, der mit modernen elektronischen
Geräten ausgerüstet und dazu bestimmt ist, unpassierbar zu sein.
Nach Sharon &Co. wird der Zaun aus Sicherheitsgründen gebaut. Man
kann sich darüber auf der Internetseite des
Verteidigungsministeriums informieren (www.seamzone.mod.gov.il ).
Die Zahl der Militärkräfte, die diesen Sicherheitszaun absichern,
schwankt. Der Zaun wird mehrere arabische Stadtviertel entweder
von israelischen oder arabischen Vierteln trennen. An einigen
Stellen wird er Palästinenser von Palästinensern trennen.
Zusätzliche Zäune werden bestimmte palästinensische Ghettos ganz
einschließen.. Ghetto Abu Dis ist schon von 2 m hohen
Betonblöcken eingeschlossen, die den Bewohnern den Zugang zu
Jerusalemer Krankenhäusern, Läden und Schulen versperren. Es gab
ein kleines Tor, das vom Militär aber blockiert wurde. Wir
beobachteten, wie alte Leute mühselig über die Mauer kletterten.
Diese Mauer soll bald durch eine 8 m hohe ersetzt werden.
Militärexperten nehmen an, dass auch diese Höhe kein besonderes
Hindernis für Terroristen darstellen wird. Doch auch diese
Vermutungen halten unsere Führer nicht auf. Das Ghetto Abu Dis
wird darüber hinaus von zwei unzusammenhängenden Teilen eines
anderen Zaunes durchschnitten; man kann die schnell
voranschreitende Bautätigkeit beobachten.
Das dicht bewohnte nördliche Viertel AR-Ram wird auch von einem
Zaun eingeschlossen. Die Dörfer Hussan, Batir, Nahalin und Walaja
südlich von Jerusalem sollten ebenfalls zu drei arabischen
Ghettos werden.. Um den Eklat nicht größer als nötig zu machen,
warten unsere führenden Politiker auf einen geeigneten Moment,
um mit der Arbeit zu beginnen. Der geeignete Augenblick wäre ein
Bombenattentat mit israelischen zivilen Opfern. Mir scheint, dass
man daran arbeitet, dass dies zu einer sich selbst erfüllenden
Prophezeiung wird. Seidemann sieht voraus, dass die Gewalt in
Jerusalem größer werden wird, wenn die Infrastruktur des
palästinensischen Alltagslebens noch mehr zerstört wird.
Da kann man viel Geld verdienen - im Sicherheits- und
Großisraelgeschäft. Israels Reiche haben an der Beute
teil. Z. B. Eckerstein, der dafür bekannt ist, dass bei ihm
Keramikkacheln für Häuser hergestellt werden. Er zieht Profit
aus dem Bau der "MG-Unterstände" - hässliche mit Hochtechnik
ausgerüstete Wachtürme, die inzwischen zu einer alltäglichen
"Dekoration" in den besetzten Gebieten geworden sind. ...
Viele Palästinenser in Jerusalems Vororten haben eine
palästinensische Identitätskarte. Für den arabischen Besitzer
einer der begehrten Jerusalemer Identitätskarte ist es illegal,
den Besitzer einer palästinensischen Identitätskarte "ohne
Genehmigung" zu fahren., selbst wenn es sich um den eigenen
Schwiegervater handeln sollte. Die Strafe für den Fahrer kann
sich auf bis zu 6 Monaten Gefängnis berlaufen. Von Schülern und
Studenten, die Schulen und Universitäten besuchen, werden an den
Checkpoints Passierscheine verlangt. Aber wenn man zum DCO
(Koordinierten Distriktbüro) geht, um einen Passierschein zu
beantragen, muss man stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen,
und es ist keineswegs sicher, dass man einen Passierschein erhält,
der zudem noch nur für kurze Zeit Gültigkeit besitzt. Eine andere
Empfehlung lautet, doch zum ShinBet (Geheimdienst) zu gehen. Dort
ist man dann Erpressungsversuchen unterworfen, oder es wird
versucht, oder es wird versucht die Betreffenden als
Kollaborateure zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit, zur Schule
zu gelangen ist, ist, über die Berge zu gehen und so die
Checkpoints zu umgehen. Dort wird man von Soldaten gejagt. Ich
habe mich bei einem Freund erkundigt, ob die Soldaten die Luft
schießen oder gezielte Schüsse abgebeben würden. "Ich weiß es
nicht. Ich bin weggerannt und habe nicht zurück geschaut!"
antwortete er. Eine Studentin wurde kürzlich in der Nähe von
Nablus erschossen.
Vor kurzem gab es in den israelischen Medien bombastische
Ankündigungen, dass im letzten Augenblick Attentate von
Sicherheitskräften verhindert worden seien. Ich denke eher,
dass dies eine Show Scharons war, um auf den Vorwurf zu reagieren,
seine Methoden, "den Terror zu bekämpfen", seien unwirksam. Es
gab Ankündigungen von Olmert, dass Siedlungen (!) evakuiert
werden müssten und wir haben wieder einmal von Scharons guten
Absichten gehört, den Frieden im Nahen Osten betreffend. Ich kann
über die Bereitschaft der israelischen Öffentlichkeit, diesen
guten Absichten Glauben zu schenken, nur immer wieder staunen.
Gestern schloss das Militär aus Sicherheitsgründen den
Huwwara-Checkpoint bei Nablus. Eine zornige Menge versammelte
sich dort, ein Aufruhr brach los, Palästinenser warfen Steine,
israelische Soldaten erwiderten mit Gasgranaten und Schlägen.
Unsere Schicht der zum Kontrolldienst am Checkpoint kam gerade
an, als die Menge auseinender lief, mehrere Geschlagene und
Verhaftete standen neben dem Checkpoint-Gebäude. Ein Mann
beklagte sich erfolglos, dass man seinen geistig behinderten
Bruder verhaftet hätte.. Ich fragte den Offizier: "Worum geht es
denn? Wenn es sich um Sicherheitsvorkehrungen wegen eines
Terroristen handelt, der aus Richtung Nablus kommt, warum haltet
ihr die Leute fest, die nach Nablus wollen?" "Du hast ja keine
Ahnung, gestern erreichte ein Terrorist Ramat Gan, aber er gab im
letzten Augenblick auf - nun wollen wir ihn hier abfangen." Ich
stellte mich dumm und fragte: "Warum sperrt ihr dann die andere
Richtung, warum können die Leute aus Nablus nicht in die Dörfer
gehen?" "Er hat eine Schwester, die aus der anderen Richtung
kommt" sagte der Offizier ganz ernsthaft und mit der Miene
wissender Überlegenheit. Solchen Unsinn haben wir schon öfter
gehört.
Die Grenze zwischen Wahrheit, Lüge und Phantasie ist verwischt.
Nebenbei sei erwähnt, dass die Soldaten behaupten, dass die
Palästinenser notorische Lügner sind.